Erbacher Projekt zur Berufsorientierung

An der Schule am Sportpark können sich Schülerinnen und Schüler in der "Zukunftswerkstatt" in besonderem Maße auf die Arbeitswelt vorbereiten. Wie das geht, können Sie hier in einem Zeitungsbericht des Odenwälder Echo vom 28.01.2011 von Tamara Krappmann nachlesen:

Souveränität für den Weg zum Traumjob

Berufsorientierung: Ein Konzept aus Erbach soll in ganz Südhessen Schule machen - Erste Nachahmer in Reichelsheim

ERBACH. Der Schulabschluss ist endlich in der Tasche - aber was kommt danach? Um den Jugendlichen der Schule am Sportpark in Erbach in Sachen Berufswahl weiterzuhelfen, hatte Lehrer Thorsten Wohlgemuth 2009 das Projekt „Zukunftswerkstatt“ konzipiert. Herzstück ist das Berufsinformationszimmer (BOZ), in dem die Schüler ihre Fähigkeiten austesten, Kontakte knüpfen und vor allem jederzeit Rat finden können. Wohlgemuths Idee hat nun auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt überzeugt: Sie möchte das Konzept an Schulen in ganz Südhessen bewerben und finanziell fördern.

Berufsorientierungszimmer - Foto: Guido SchiekDie Zahlen sprechen für sich: Vor der „Zukunftswerkstatt“ hatten rund 30 Prozent der Schüler vom Sportpark beim Abschluss eine Stelle sicher. Im vergangenen Jahr konnten dagegen über 60 Prozent zugleich mit ihrem Zeugnis auch einen Ausbildungsvertrag vorweisen. Das märchenhafte Resultat verdankt die Schule dem nachdrücklichen Einsatz der Lehrer, der Förderung durch die Strahlemann-Stiftung, die sich für Jugendliche auf der Suche nach Ausbildungsplätzen engagiert, und der engen Vernetzung mit Unternehmen aus der Region.

„Heute stehen nicht mehr 500 junge Leute vor der Tür einer Firma und bewerben sich auf 30 freie Plätze“, stellt Schulleiterin Heidi Adam fest. Stattdessen müssten die Unternehmen sich um gute Azubis bemühen. Und sie tun es gerne, wie man in Erbach mittlerweile weiß: „Der ganze Odenwald ist in unserem Programm flächendeckend vertreten.“ Sogar aus Darmstadt haben Unternehmen das BOZ finanziell unterstützt, schicken Mitarbeiter zu Präsentationen oder laden Schüler zu Betriebsbesichtigungen ein. Im Gegenzug vermittelt die Schule ihnen genau die Jugendlichen, deren Fähigkeiten und Interessen sich mit den Anforderungen des betreffenden Berufs decken.

In diesem Sinne beginnt die Schule am Sportpark nun ab der siebten Klasse damit, die Jugendlichen in ihrer Berufsfindung kontinuierlich bis zum Abschluss zu begleiten. Zunächst werden dazu die Fähigkeiten der Schüler bestimmt: In praktischen Übungen, zum Beispiel beim Bauen technischer Modelle, können die Mädchen und Jungen austesten, was ihnen Spaß macht und wo ihre Stärken liegen.

Wer sich selbst richtig einschätzen kann, erkundet das breite Spektrum der Berufsfelder. Wie groß hier zuvor die Wissenslücken waren, erfuhr die Schule beim Odenwälder Berufsinformationstag (OBIT). Die allermeisten interessierten sich für die Berufe Koch und Bankkaufmann - „aber nur, weil ihnen beispielsweise der Beruf des Verfahrensmechanikers vollkommen unbekannt war“, berichtet Thorsten Wohlgemuth. Mittlerweile finden sich die Schüler in der Berufswelt dagegen gut zurecht.

Der direkte Kontakt in die Wirtschaft hilft ihnen dabei. Zwei Praktika muss jeder von ihnen absolvieren. Die meisten machen aber freiwillig mehr. Zum Beispiel der 14 Jahre alte Marco Heckmann: Als Koch, Metzger und Schreiner hat er sich bereits erprobt. Als nächstes steht ein technisches Praktikum bei der Firma Merck auf dem Programm. „Da kommt nicht jeder rein, aber ich dachte, ich versuch' es mal.“

Während Marco sich seine Praktikumsstelle souverän von zuhause aus gesichert hat, ließ sich Kim Jana Medelnek (14) im BOZ unter die Arme greifen. Dabei kannte sie ihr Berufsziel längst: „Ich wollte immer etwas mit Tieren machen“, erzählt sie. Tierpfleger mit Fachrichtung Zoo heißt ihr Berufswunsch offiziell. Um ihm näher zu kommen, wird Kim im Frühjahr ein Praktikum im Vivarium in Darmstadt absolvieren. Dort anzurufen kostete sie allerdings viel Überwindung. Und auch hier springt die Schule am Sportpark ein: Die Schüler können von einem Apparat im BOZ aus telefonieren, und wenn sie es wünschen, dann steht ihnen dabei ein Erwachsener zur Seite.

Neben den Lehrern kommt dafür vor allem Lothar Schwab infrage. Der Berufseinstiegsberater unterstützt die Schüler beispielsweise auch dann, wenn es darum geht, eine ordentliche Bewerbung zu verfassen. „Und er geht sogar mit zu den Vorstellungsgesprächen, wenn es für jemanden ganz schwer ist“, verrät Schulleiterin Adam. In der Regel schaffen die Schüler das aber souverän selbst, denn wie ein Bewerbungsgespräch funktioniert, können sie im BOZ vorher ausführlich üben. Luise Conrad (14) hat diese Möglichkeit in der freiwilligen Berufswahl-AG genutzt und fühlt sich dadurch nun besser auf den Ernstfall vorbereitet. „Jetzt weiß ich schließlich, worauf Wert gelegt wird“, schildert sie.

Aber nicht nur den Jugendlichen, sondern auch den Unternehmen bietet die Schule eine verlässliche Anlaufstelle. Regelmäßig klingelt bei Thorsten Wohlgemuth das Telefon, weil Arbeitgeber einen Praktikanten oder Azubi suchen: Ob er da nicht einen passenden Kandidaten wüsste?

Diese erfolgreiche Zusammenarbeit möchte die IHK künftig in ganz Südhessen verwirklicht sehen. Bisher hat nur die Georg-August-Zinn Schule in Reichelsheim Wohlgemuths Projekt kopiert. Nun soll auch anderen Schulen eine Art Blaupause der „Zukunftswerkstatt“ angeboten werden. Bei insgesamt 90 möchte die IHK dafür werben - und zudem kräftig investieren. „Das soll ein sechsstelliger Betrag werden“, weiß der Erfinder bereits.

Text und Bild wurden zitiert von http://www.echo-online.de/region/odenwaldkreis/erbach/Souveraenitaet-fuer-den-Weg-zum-Traumjob%3Bart1269,1550691 (15.02.2011)

Dieses Dokument wurde erstellt am 15.02.11 durch Christoph Kabrhel.
Die letzte Bearbeitung erfolgte am 21.08.13 durch Anika Knapp.