Zehntklässler im digitalen Zeitzeugen- Gespräch mit Alodia Witaszek-Napierla

In jedem Schuljahr besuchen die Schülerinnen und Schüler des zehnten Jahrgangs die Zeitzeugenwoche, die traditionell im Höchst stattfindet. Aufgrund der Pandemie fanden die Gespräche in diesem Jahr coronakonform digital statt. Frau Stephanie Roth vom Bistum Mainz, die verantwortlich für diese Veranstaltungen ist, begleitete das Gespräch und unterstütze Frau Witaszek- Napierla, wenn ihr ein deutsches Wort nicht einfiel.

Die Schülerinnen und Schüler wählten sich am Mittag von zu Hause ein und folgten gebannt den bildlich unterstützten Ausführungen von Frau Alodia Witaszek-Napierla (*3. Januar 1938), einer polnischen Zeitzeugin des Nationalsozialismus.Frau Witaszek- Napierlas Vater, Franciszek Witaszek, war polnischer Widerstandskämpfer und musste aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in den Untergrund, 1943 wurde er ermordet und ihre Mutter ins KZ Auschwitz deportiert. Alodia, ein blondes Mädchen mit blauen Augen, und ihre kleine Schwester Daria wurde schließlich von den Nationalsozialisten als „rassenützlich“ eingestuft und zur Germanisierung verschleppt. Zunächst im „Jugendverwahrlager Litzmannstadt“ im heutigen Łódź, anschließend fand die Überformung Alodas Kultur und Sprache im Gau-Kinderheim Kalisch statt.Frau Witaszek-Napierla musste ihren polnischen Namen „Alodia“ ablegen und wurde in „Alice Wittke“ umbenannt. Sie lernte deutsche Rituale, die deutsche Sprache und wurde von ihrer „deutschen Mutti“, die keine Kinder bekommen konnte, 1944 adoptiert. Sie lebte nun als Alice Luise Dahl in Stendal. Ihr deutscher Vater war im Krieg und kam erst später zur Familie hinzu. Ihre deutsche Adoptivmutter wusste nichts über die Umstände unter denen Alice (Alodia) zu ihr kam. Alodias leibliche Mutter überlebte die Konzentrationslager und kam nach der Befreiung durch die Alliierten im Jahre 1945 nach Hause.  Von dort aus suchte sie ihre Kinder über das Rote Kreuz. 1947 erfuhr Alices (Alodias) deutsche Adoptivmutter, dass Alice ein geraubtes Kind ist und gab sie ihrer biologischen Mutter zurück. Zurück in Polen musste Alodia ihre eigentliche Muttersprache neu erlernen und auch ihre fast vergessene Familie wieder neu kennenlernen. Die jüngere Schwester Daria, kam kurze Zeit später aus der Nähe von Wien, ebenfalls zur Familie zurück. Alodas Mutter und ihre deutsche Mutti freundeten sich mit der Zeit an und es entstand eine gute Freundschaft. Alodia hielt stetig den Kontakt zu ihrer deutschen Adoptivfamilie und so hatten ihre eigenen Kinder zwei Omas, eine polnische und eine deutsche Omi.

Eine sehr berührende und unglaubliche Lebensgeschichte, die die Zehntklässlerinnen und Zehntklässler hören durften. Die Geschichte von Frau Witaszek- Napierlas Kindheit macht deutlich, wie sehr die Politik des NS-Regimes das Leben unzähliger Kinder dramatisch veränderte. Im Gegensatz zur Untersuchung schriftlicher Quellen im GL-Unterricht, konnten die Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit nutzen und die Zeitzeugin direkt befragen, um das Gesagte besser durchdringen zu können.Beispielsweise wollte eine Zehntklässlerin wissen, wie lange es nach ihrer Rückkehr gedauert habe, bis Frau Witaszek-Napierla die deutsche Erziehung wieder vergessen habe. Frau

Witaszek-Napierla erklärte, dass es für sie sehr schlimm war. Sie hatte damals mit zehn Jahren nicht verstanden, warum sie nun in eine „fremde Familie“ musste. Ihre Mutter musste die Familie ernähren und arbeiten gehen. In der Schule wurde sie oft als „deutsches Schwein“ beschimpft.Auf die Frage, wo sie es besser fand, in Deutschland oder Polen, antwortete Frau Witaszek-Napierla, dass dies schwer zu sagen sei. In Polen hatte sie Geschwister. In Deutschland war sie ein Einzelkind und durfte zum Ballettunterricht gehen.Ein Aspekt, der im GL-Unterricht ausführlich besprochen wird, ist das Ende des Zweiten Weltkriegen und seine Folgen. Die Sportparkschüler wollten gerne wissen, wie die Zeitzeugin das Ende des Krieges erlebt hat. Frau Witaszek-Napierla lebte mit ihrer deutschen Mutti in der Nähe von Berlin. Sie erinnert sich, dass sie häufig Bombenalarm hatten, wenn die alliierten Flieger Richtung Dresden und Berlin unterwegs waren. Sie erinnert sich auch, dass eine Bombe direkt vor der Schule niederfiel und alle Fenster

zersplitterten.Während des zweistündigen Gesprächs bekamen die Schülerinnen und Schüler durch Frau Witaszek-Napierla einen persönlichen Einblick in einen Bereich des Nationalsozialismus, der häufig nur am Rande erwähnt wird. Viele Zehntklässler meldeten zurück, dass sie im Anschluss an die Videokonferenz Informationen nachlasen und sich tiefergehend mit der Thematik beschäftigten. Das Zeitzeugen-Gespräch wird auch mit den GL-Lehrern im Unterricht aufgearbeitet, sodass die Schüler ihre neu entwickelten Fragen stellen können.

Wir bedanken uns bei Frau Witaszek-Napierla, Frau Roth, den KlassenlehrerInnen Jg. 10  sowie Frau Trenkwald (Stufenleiterin 9/10) für den informativen und blickwinkelerweiternden Nachmittag.